Danke für gestern!

Was für ein Glück wir doch Flüchtlinge und Asylsuchende in Europa und weltweithaben, dass wir in keinem anderen Land um Asyl bitten müssen. Da heißt es bei Wikipedia: „Als Flüchtlinge anzuerkennen sind Menschen, wenn sie, wie es im Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 heißt, sich außerhalb ihres Heimatlandes befinden und berechtigte Furcht haben müssen, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, politischen Gesinnung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe verfolgt zu werden. Wirtschaftliche Not, Naturkatastrophen oder Armut werden nicht als Fluchtgründe im Sinne des internationalen Asylrechts anerkannt.“

Da bin ich ja gleich nochmal so dankbar für den gestrigen Tag.

Ich hatte ein opulentes Frühstück in meiner gemütlichen – für mich ausreichend großen und warmen – Wohnung.

Dann fuhr ich los Richtung Savignyplatz. Ja, ich darf fahren, wohin immer ich will!

Ich traf mich mit Menschen, mit denen mich gemeinsame Interessen verbinden, denen wir ungehindert nachgehen dürfen, und die wir auch kundtun.

Nein, wir haben keine Pläne geschmiedet, wie wir das Geld zusammenbekommen, um mit Hilfe von Schleppern dieses Land verlassen zu können.

Wir lasen im Buchhändlerkeller in Berlin zur Eröffnung des 15. Internationalen Literaturfestival. Dieses Jahr geht es vom 9. bis zum 19. September ausschließlich um die „Situation von Flüchtlingen und Asylsuchenden in Europa und weltweit“.

Frau Still, Vorstandsmitglied des Buchhändlerkellers, öffnet uns unbürokratisch für die Zeit der Lesungen die Tür und gewährt uns gastfreundlich Asyl.

Wir haben Texte aus Büchern und Reportagen ausgesucht, zu denen wir persönlich einen Bezug haben. Ja, es ist uns erlaubt, dafür im Internet zu recherchieren. Und ja, wir dürfen diese Texte laut in der Öffentlichkeit vorlesen, ohne dass uns jemand daran hindert oder gar dafür ins Gefängnis sperrt.

Die Geschichten, die wir vorlesen, spannen einen weiten Bogen von Syrien über Armenien bis nach Ostpreußen. Uns fällt auf, wie sie sich doch die Schicksale von Flüchtlingen gleichen, egal in welchem Land und in welchem Jahrhundert sie erduldet werden.

Nach der Lesung gehen wir zum Haus der Berliner Festspiele. Auf den Straßen schlendern entspannte, sauber gekleidete Menschen, die sich die Auslagen der Geschäfte ansehen. Niemand scheint Angst zu haben, keiner scheint auf der Flucht vor etwas zu sein. Alle dürfen sich frei bewegen.

Bis auf die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche sahen wir auch keinerlei Ruinen auf unserem Weg zum Festspielhaus.

Der mit unzähligen Literaturpreisen bedachte Javier Marías ist nach Berlin gekommen, um die Eröffnungsrede zu halten. Wie es scheint, durfte er ohne Probleme und aus freien Stücken sein Heimatland Spanien verlassen. Dorthin kehrt er wieder zurück, ohne Repressalien, Folter oder gar den Tod befürchten zu müssen. Er wird weiterhin in Ruhe in Madrid leben, seine Bücher und wöchentlichen Kolumnen schreiben.

Bei seinem Vater, dem Philosophen Julián Marías Aguilera, sah das noch ganz anders aus. Der hatte sich unter Franco zur republikanischen Politik bekannt, wurde verfolgt, zeitweilig inhaftiert und mit einem Berufsverbot belegt.

Als ich mich nach dem Vortrag im Dunkeln auf den sicheren Heimweg mache, immer noch dieses von Javier Marías faszinierend ausgesprochene Wort „Madrith“ im Ohr, aus dem ich die ganze Zuneigung zu seiner Heimat herauszuhören glaubte, knurrt mein Magen. Am Bahnhof Zoo kaufe ich mir eine Currywurst, scharf, mit Darm. Ein Brötchen dazu.

Ich muss dafür niemanden vorher um Geld bitten, keine Anträge in mehreren Ausfertigungen ausfüllen, oder jemanden bitten, dies für mich zu tun. Zum Zahlen hole ich lediglich mein Portemonnaie aus der Tasche.

In der S-Bahn habe ich nicht gezittert, von Kontrolleuren beim Schwarzfahren erwischt zu werden. Ich besitze eine Monatskarte. Die kann ich mir leisten.

Zurück in meiner Wohnung mache ich Licht, ohne dass ich vorher die Fenster verdunkeln muss. Ich lege eine CD von Fairuz auf, der libanesischen Sängerin, die 1935 als Kind mit ihrer syrisch-orthodoxen Familie nach Beirut kam. Während ich ihrer wehmütigen Liebeserklärung an Beirut – Li Beirut – lausche, trinke ich meinen spanischen Rotwein und proste dem vergangenen Tag noch einmal dankbar zu.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.