Mutig durch Veränderungen

Mein 2017 war Anfang Februar bestimmt von einer Krebsdiagnose, die nach eingehenden Untersuchungen im Krankenhaus nur noch palliativ behandelt werden konnte. Bauchfell und umliegende Organe waren betroffen und bereits metastasiert. Wenn überhaupt, war an Operation erst nach einer Chemotherapie zu denken.

Fünf Jahre zuvor hatte ich die Chemo trotz eines aggressiven Tumors in der Brust abgelehnt und mich lediglich operieren lassen. Es war auch alles gut gegangen. Doch jetzt sah ich die Notwendigkeit ein und stimmte zu.

Vor Beginn der ersten Chemo im März ließ ich mir die Haare kurz schneiden. Das sollte den Übergang auf Glatze leichter gestalten.

Auf nach Griechenland

Einen Tag nach der zweiten Chemo flog ich mit dem Einverständnis meines behandelnden Arztes nach Griechenland, um dort mit Freunden griechische Ostern zu feiern. Tabletten gegen Übelkeit und ein Rollstuhl, der mich vom Abfertigungsschalter zu meinem Platz im Flieger brachte, erleichterten mir die Reise. Und auf meiner Insel holten mich Freunde ab.

Von den drei Wochen, die mir bis zur dritten Chemo blieben, kotzte ich eine, während der beiden bis zu meinem Heimflug verbrachte ich den vielleicht letzten Aufenthalt auf meiner Herzensinsel mit meinen Freunden und langen Spaziergängen am Meer.

Von einer befreundeten Friseurin ließ ich mir eine Glatze scheren. Erfahrungsgemäß sollten nach der zweiten Chemo die Haare ausgehen. Und die dann auf dem Kopfkissen herumliegenden Haare wollte ich erst gar nicht sehen. Weil ich keine Perücke tragen wollte, hatte ich mehrere Schals mitgebracht und diverse Tuchbindetechniken schon mit Hilfe von youtube-Videos vor dem Spiegel ausprobiert.

Betreut wurde ich in den drei Wochen in meinem kleinen Apartment von griechischen Freunden, die direkt unter mir wohnten. Sie hatten vor meiner Ankunft den Kühlschrank gefüllt und kamen jeden Morgen, um nach mir zu sehen.

Frisch gestärkt geht’s weiter

Einen Tag vor der dritten Chemo landete ich wieder in Berlin. Die weiteren vier Behandlungen bis Juli überstand ich im ständigen Wechsel zwischen Übelkeit und Wohlbefinden . Doch, auch wenn es mir körperlich schlecht ging, hatte ich nie eine dunkle Stunde. Ich akzeptierte die Diagnose und die Tatsache, dass ich möglicherweise bald sterben würde.

Wenn ich häufig lese ich, dass Menschen gegen den Krebs „kämpfen“, kann ich das schlecht nachvollziehen. Ein Kampf hat in meinen Augen immer etwas sehr Verzweifeltes und Verbissenes.

Tun, was ich liebe

Mir schien das Energieverschwendung, und ich konzentrierte mich lieber darauf, mir Gutes zu tun und Freude zu haben, wie z.B. ein Studium an der FU, das seit zwei Jahren mein Leben bereichert. Das setzte ich mit Unterbrechungen – je nach Befinden – fort. Meine Kommilitoninnen wussten Bescheid und unterstützen mich, indem sie mir die Lerninhalte der versäumten Kursstunden zuschickten.

Notwendigkeiten einsehen

Meine Tätigkeit als Coach unterbrach ich bis zum Jahresende, da ich meine Klient/innen nicht durch kurzfristige Terminabsagen verunsichern wollte, wenn ich mich nicht stark genug für Gespräche fühlte.

Die Stunde der Wahrheit naht

Anfang August nahte die Stunde der Wahrheit. Drei Wochen nach der letzten Chemo stand das alles entscheidende CT bevor. Es gab zwei Optionen: Durch die Chemo hat sich nichts geändert, oder die Metastasen haben sich so weit zurückgebildet, dass ich operiert werden kann.

Die Zeit wurde langsam knapp. Ich hatte bereits im Vorjahr für Mitte August meinen zweimonatigen Aufenthalt in Griechenland gebucht. Nun, den müsste ich eventuell aufschieben, wenn die Operation anstand. Bei der anderen Option wollte ich wie geplant fliegen.

Endlos scheinende vier Tage wartete ich auf das Arztgespräch, in dem mir das Ergebnis mitgeteilt werden sollte.

Mein Arzt – seit seiner Erlaubnis, die Griechenlandreise zu Ostern antreten zu dürfen, mein Held – zeigte mir ein paar Aufnahmen des Bauchraums und der befallenen Organe. Ich sah nur weiße und graue Flecken, ansonsten schwarze Masse.

Dann strahlte er mich an und sagte, es seien weder ein Tumor noch Metastasen erkennbar. In der wöchentlich stattfindenden Tumorkonferenz mit anderen Spezialisten sei man übereinstimmend der Meinung gewesen, dass keine Operation notwendig sei.

Es ist geschafft

10 Tage später, am 13. August, flog ich wie geplant auf meine Insel, um am 15. August, einem der höchsten griechischen Feiertage am Gottesdienst und der anschließenden Prozession zu Ehren der Muttergottes, „Panagia“, teilzunehmen. In einer kleinen orthodoxen Kapelle hatte ich zuvor schon mehrere Kerzen angezündet.

Obwohl nicht im herkömmlichen Sinne gläubig, wollte ich mich auf diesem Weg beim Universum – oder wie jeder von uns diese Macht auch immer nennen mag – bedanken.
An jedem Morgen, wenn ich die Augen öffne, und während vieler Momente des Tages, sage ich „Danke“ für das Leben, das mir neu geschenkt wurde.

Was kommt nun?

Meine Pläne? Ich überprüfe gerade, ob ich 2018 noch zu dem stehen will, was ich bisher getan habe, sortiere neu, verabschiede mich von einigen Dingen – auch von Menschen, die ich einmal zu meinen Freunden gezählt habe – und bin neugierig auf das, was mir dieses Jahr so bringen wird.

Herzlichst
Sylvia Graf – Berlin

sylviagraf.berlin

 

P.S.: Solltest du dich gefragt haben, was die bunten Kreise im Beitragsbild bedeuten…das sind Häkelmützen, die ich in Griechenland solange trug, bis meine Haare wieder begannen zu wachsen.

7 comments

  • Sanne

    Liebe Sylvia, ich habe den Blog heute erst gelesen und freue mich unglaublich, dass es dir gut geht. Überprüfe dich, dein Leben und deine Ziele – die Möglichkeit ist ein großartiges Geschenk an uns. Wir dürfen unser Leben planen und gestalten. Dir wünsche ich neben einem großartigen Jahr 2018 gute Gedanken und viel Freude beim Schmieden deiner Pläne

  • Martina Pienitz

    Liebe Sylvia,
    Ich kenne dich nicht persönlich. Ich kenne dich aus Gordons begeisterten Erzöhlungen wie ihr euch kennengelernt habt und und wie du angefangen hast neues auszuprobieren und zu Couchen. Ich freue mich für dich, das du wieder gesund bist. Mit kamen beim Lesen Freudentränen. Ich bewundere deine Einstellung, ich wünsche Dir ein tolles 2018 mit unzählig vielen schönen Momenten.
    Liebe Grüße
    Martina Pienitz

  • Hallo liebe Sylvia, danke für diesen offenen und positiven Bericht. Ich freue mich auch sehr über die guten Nachrichten im August und wünsche dir alles Gute für 2018 und weiter!
    Liebe Grüße Jane

  • Heidelinde Kirchner-Zimmermann

    Bleib so tapfer wie Du es im Moment bist. Die Kraft findest Du in Deinem Inneren, all das weißt Du aber selbst. Ich umarme Dich und sende Dir „leuchtende Sterne“, die Dich emporheben und Deinen Weg begleiten. Heidelinde Kirchner-Zimmermann

  • Rita Wolf

    Liebe Sylvia,das hast du sehr gut beschrieben,du bist eine sehr mutige Frau!!Ich freue mich sehr für dich und wünsche dir weiterhin alles Gute,viel Spaß am Leben und Freude auf deiner Insel….,herzliche Grüße von Rita

  • Sylvia

    Liebe Sylvia,
    ich freue mich so sehr über das Ergebnis der letzten Untersuchung und wünsche Dir noch viele viele tolle Jahre mit all den Dingen, die Dir Freude bereiten und gut tun!
    Griechenland gehört definitiv dazu!
    Weiterhin alles Gute!
    Sylvia

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